7. Juli 2017 | Theres Leistner

 

 

Ein Kind ist eine geborene Persönlichkeit.  Keinesist gleich wie das andere; jedes ist einzigartig und ein Original! Diese Einzigartigkeit, das Entwicklungspotential und die originellen Gedankengänge überraschen uns immer wieder von Neuem.Wir sind fasziniert vom angeborenen Hunger nach Wissen, der in ihm angelegten Entdeckerfreude, der Neugier, seinem wachen Verstand und der unglaublichen Kapazität zu lernen! (Beeindruckend, in welchem Tempo z. B. das Kleinkind innerhalb der ersten 2 Lebensjahre lernt! Da kommen wir Erwachsenen längst nicht mehr mit…)

 

Jedes Kind ist von Geburt an eine ernst zu nehmende Person, ein sog. Imageträger Gottes, ein Wunderwerk! Damit sich Kinder gut entwickeln, sind sie uns Erwachsenen mit Lebenserfahrung und Wissen anvertraut worden. Über die Bedeutung und Wichtigkeit dieser Rolle schreibt die Pädagogin Charlotte Mason 1925 in Home Education:

 

„…Die Arbeit, welche für die menschliche Gesellschaft die größte Bedeutung hat, ist die Erziehung und der Unterricht der Jugend in der Schule; noch wichtiger aber ist die Erziehung zu Hause, denn die häuslichen Einflüsse, die sich bei dem Kinde geltend machen, bestimmen mehr als irgendetwas anderes den Charakter und die Laufbahn des zukünftigen Mannes, der zukünftigen Frau. Vater oder Mutter zu sein, ist eine große Sache; keine Würde, keine Rangerhöhung ist damit zu vergleichen. Ein einziges Kind, das Eltern pflegen und hegen, kann ein Segen für die Welt werden. Ist ihnen aber ein solches Gut anvertraut, dann sind sie nicht berechtigt zu sagen: „ Ich kann mit meinem Kinde machen, was ich will.“ Kinder sind tatsächlich nicht als persönliches Eigentum, sondern als anvertrautes Gut zu betrachten….“

Diese Verantwortlichkeit ist zwischen den Eltern nicht gleich verteilt; von den Müttern der Gegenwart hängt die Zukunft der Welt in viel höherem Grade ab, als von den Vätern; denn den Müttern allein obliegt in den ersten, eindrucksfähigsten Lebensjahren die Leitung der Kinder. Nicht umsonst hören wir so häufig von großen Männern, die gute Mütter hatten, d. h. von Müttern, welche ihre Kinder selbst erzogen und ihre ernsteste Pflicht nicht gleichgültigen Personen überließen..“

„..Wir fangen an, unsere Pflichten zu erkennen und in dem Maße, in welchem Mütter besser ausgebildet und tüchtiger werden, werden sie zweifellos auch umso mehr empfinden, dass die Erziehung ihrer Kinder in den ersten sechs Lebensjahren eine Aufgabe ist, die besser in ihren eigenen Händen, als in fremden liegen sollte. Und sie werden diese Aufgabe als ihren Beruf betrachten und sich diesem mit genau gleichem Fleiss, Sorgfalt und Einsatz wie die Männer in ihren Berufsarbeiten widmen.

Damit sie wisse, was sie zu tun hat und gründlich ausgerüstet an ihre Arbeit herantrete, sollte sie Erziehungstheorien besser, als nur vom Hörensagen kennen und mit der Beschaffenheit der Kindesnatur, auf welcher die Theorien beruhen, vertraut sein.

(Charlotte Mason: Home Education, 1925)

 

In der verantwortungsvollen Aufgabe der Kindererziehung misst Charlotte Mason der Mutter also eine wichtige Bedeutung zu. (Dies soll aber – besonders in der heutigen Zeit – nicht heissen, dass die Väter nicht gebraucht werden.) Dieser Ansicht pflichten auch neuere Erkenntnisse bei; so hält Christa Meves, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, fest, dass eine enge Bindung und Nähe des Neugeborenen zu seiner Mutter dessen Stresspegel nachweislich sinken lasse. In Experimenten mit Ratten sei gezeigt worden, dass eine frühe Trennung des Rattenbabies und der Rattenmutter bei ersterem zu einer lebenslänglich erhöhtem Stresspegel und somit chronischem Stress führe. Nicht zuletzt daher werde die ansteigende Prävalenz von Depressionen u.a. auf nicht bewältigten Stress in der frühen Kindheit zurückgeführt. Auch die Fähigkeit zu Lernen und das Gedächtnis sei durch frühe Stresserfahrungen beeinträchtigt. [1]

 

 


 

 

 

 

11. Mai 2017 | Theres Leistner

 

 

„Wenn wir einen Blick auf die Erziehung und Bildung in unserer Heimat und in andern Ländern werfen, so erscheint uns alles unklar und entmutigend!“, schreibt die britische Pädagogin Charlotte Mason (1842-1923) anfangs des letzten Jahrhunderts im Vorwort ihrer Bücherreihe „Home Education“.  Als Lehrerin stellte sie schon damals fest „…wir haben keinen einheitlichen Grundsatz, kein festes Ziel; wir haben tatsächlich keine Erziehungsphilosophie!“

 

Und heute, rund 100 Jahre später? Haben wir eine Erziehungsphilosophie gefunden, die uns in unserer Unklarheit zu Hilfe kommen könnte?

 

Pädagogen, Eltern und Wissenschaftler konnten sich weiter über die Erziehung unseres Nachwuchses Gedanken machen. In Windeseile verbreiten sich die neuesten Erkenntnisse in Blogs, finden ihre Niederschrift in Elternmagazinen oder werden an Kursen gelehrt. Eins ist dabei sicher: „…Man will heute mehr denn je das Beste für das Kind. Bloss weiss niemand so genau, was das ist. Also fragt man, debattiert man, kauft man. Und geht sich und anderen auf die Nerven…“.[1]

Es scheint, als ob wir uns durch dieses Dickicht von Meinungen, Erfahrungen, Tipps und „wissenschaftlichen Erkenntnissen“ kämpfen müssen, um hoffentlich eines Tages glücklich die Aussage machen zu können: „Endlich habe ich (m)ein perfekt erzogenes und gebildetes Kind hervorgebracht!“

 

Ich denke, dass wir von der heute zum Teil übertriebenen „Inszenierung der Elternschaft, dem Tamtam um die Kinder“ 1 ablassen sollten. Charlotte Mason schlägt uns einen Blickwechsel vor: zuallererst sollen wir das uns anvertraute Gut – das Kind – genauer betrachten. Ein Kind ist nicht einfach ein zu beschreibendes Blatt, eine zu formende Modelliermasse oder ein aufzufüllender Behälter. Es ist auch kein Wesen, das sich selbst überlassen werden und sich selbst ohne Führung entfalten soll.  Ein Kind ist eine geborene Persönlichkeit!

 

Auf diesen zentralen Gedanken und weitere Aspekte von Charlotte Masons Pädagogik werde ich in den kommenden Einträgen  näher eingehen. Aus meiner Sicht  sind Charlotte Masons Ansätze überlegenswert, anwendbar und sie können uns mehr Klarheit  auf dem Gebiet der Erziehung und Bildung geben.

 



[1] Inszenierung der Elternschaft, Carole Koch, NZZ vom 4.7.10.

 

 

 

 

 

 

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